Erlebnisbericht Transalp: Chiavenna - Colico (Tag 6)

Erlebnisbericht Transalp: Chiavenna - Colico (Tag 6)

Alex hat es mal wieder geschafft! Nach vielen hundert Kilometern, unzähligen Höhen- und Tiefenmetern, Wetterkapriolen, verlorenen Pfaden aber auch traumhaften Momenten, eindrucksvollen Landschaften in vier verschiedenen Ländern ist er sicher am Ziel seiner Alpenüberquerung 2016 angekommen. Von Gaißach bei Bad Tölz in Oberbayern über Innsbruck und Bludenz nach Schruns, weiter in die Schweiz nach Davos und schließlich über Arosa und Savognin nach Italien von wo er über Chiavenna bis nach Colico an den Comer See geradelt ist. Und das in sechs Tagesetappen. Wow! Herzlichen Glückwunsch!

Alex wir danken dir an dieser Stelle dafür, dass du uns wieder hast teilhaben lassen an deiner Tour und dass du dir die Mühen gemacht hast Fotos und Tour-Tagebuch für uns zusammen zu stellen. Doch nun der Endspurt, das Finale, die letzte Etappe. Viel Spaß bei Kapitel 6 seines Alpencross-Abenteuers 2016 mit dem spannenden Titel: "Eisenbahn und Spikes"

Eigentlich erwachte ich mit einem guten Gefühl. Heute sollte ich meine zweite Alpenüberquerung beenden.

Nach einem üppigen Frühstück - es war ein relativ gutes Hotel - startete ich auf dem Radweg Richtung Mezzolasee, einem kleinen dem Comer See vorgelagertem See, der über einen nur ein paar Kilometer langen Fluß mit dem Comer See verbunden ist. Dort angekommen fragte ich mich zum "Tracciolino" durch, einer alten Eisenbahntrasse in 1000m Höhe. Ich fragte Passanten, einen Barkeeper an der "Bici Bar" am See und einen Typen in einem kleinen Imbissrestaurant, wo ich noch kurz einen Snack und einen Cappuccino nahm. Die 800hm Auffahrt gestalteten sich jedoch als sehr mühsam. Anfangs noch gut fahrbar und geteert verwandelte sich die Straße ungefähr ab der Hälfte in eine grobschottrige Piste, die auch noch ziemlich steil war. Die Sonne brannte herunter und die vergangenen Tage mit ca. 7000hm machten sich nicht nur in meinen Beinen bemerkbar.

Ich kurbelte langsam aber gleichmäßig hoch und schließlich, nach nicht ganz zwei Stunden erreichte ich den "Tracciolino". Eine Tafel und das schmale Bahngleis wiesen mir den Weg entlang an steilen Felswänden, Tunneln und Galerien, immer den Mezzolasee und in der Ferne den Comer See im Blick. Die Trasse führte größtenteils direkt an der Felswand entlang. Irgendwann endete das Gleis und ich fuhr nur noch auf einem Singletrail, der kaum breiter war als mein Lenker. Trotz des Sicherungsgeländers vorm Abgrund machte sich in mir ein mulmiges Gefühl breit. Ich hatte wieder mit meiner Höhenangst zu kämpfen und nach ca. 3,5 km kehrte ich um, denn links von mir ging es mindestens 500m senkrecht in die Tiefe und der Weg endete sowieso irgendwann, sodass ich ohnehin den gleichen Weg wieder zurück musste.

Wieder am Anfang der Trasse angekommen legte ich meine Protektoren an, denn ich wollte den Trail hinunter. Dieser gestaltete sich als sehr verblockt und streckenweise sehr schwierig, sodass ich auch einige Male absteigen musste. Alles in Allem machte er mir aber riesig Spaß... wenn da nicht... ja wenn da nicht kurz vor Ende des Trails dieses seltsame trockene Gestrüpp auf demselben gelegen hätte über das ich übermütiger Weise einfach hinweg rollte. Auch als sich Teile dieses Gestrüpps in meinem Fender am Vorderrad verfingen, dachte ich mir nichts dabei. Unten an der Straße angekommen freute ich mich auf die letzten 15km der Tour. Ich fuhr auf dem Gehsteig Richtung Colico, als ich einen massiven Druckverlust am Hinterreifen bemerkte. "So ein Mist! So kurz vorm Ziel noch Schlauch wechseln" dachte ich mir, stellte mein Bike auf den Kopf und begann, das Hinterrad abzumontieren und einen der vier Ersatzschläuche die ich dabei hatte, einzulegen. Doch als ich aufpumpen wollte... nichts! Bei jedem Zug den ich mit der Pumpe machte entwich die Luft sofort wieder. Meine Luftpumpe war auch kaputt! Es war wie verhext! Als ob jemand verhindern wollte, dass ich in Colico ankomme.

Im selben Moment bemerkte ich, dass auch der Vorderreifen Luft verlor. Die ganze Tour keine einzige Panne und jetzt da ich kurz vorm Ziel stand... egal, ich erinnerte mich an die "Bici Bar", an der ich 5 Stunden zuvor nach dem Weg gefragt hatte und ging schiebend die zwei Kilometer zurück. Als ich am Bahnhof vorbeiging dachte ich einen kurzen Moment daran, die letzten Kilometer mit dem Zug zurückzulegen und konnte mich im nächsten Moment schon wieder selbst für diesen Gedanken ohrfeigen... NEIN! Ich werde diese geniale Tour, auf der bisher alles so wunderbar geklappt hatte, nicht mit dem Zug beenden! An der "Bici Bar" fragte ich nach einer Luftpumpe, denn ich hatte ein massives Reifenproblem. Es kamen sofort der Chef und ein paar Gäste um mir zu helfen. Eine skurrile Szene, denn die ersten Gäste an den Tischen schliefen bereits, sturzbetrunken über die selbigen gelehnt. In mir machte sich Verzweiflung breit. Einer der Gäste die mir zu Hilfe eilten kontrollierte die Lauffläche meiner Reifen ganz genau und... DA! Ein Stachel im Reifen... ein zweiter... noch einer. Um Himmels Willen, meine Reifen vorne und hinten waren gespickt mit Dornen! Und dann erinnerte ich mich an das Gestrüpp, über das ich am Ende des Trails gefahren war. "Alles klar, jetzt habe ich Spike-Reifen", dachte ich mir als wir gemeinsam teils mit der Hand, teils mit der Zange die Dornen entfernten und beide Reifen mit der großen Handpumpe, die die Jungs von der "Bici Bar" am Start hatten, aufpumpten.

Die Luft hielt wieder und ich machte mich in Windeseile auf Richtung Colico. Auf den letzten Kilometern in einem kleinen Dorf verlor ich den Radweg. Ich hatte keine Zeit zu suchen... ich dachte an meine Reifen und fuhr einfach dort, wo ich normalerweise (gerade in Italien) niemals freiwillig fahren würde... auf der Straße. Schließlich erreichte ich wenig später mein Ziel... Colico am Comer See. Ich hatte es geschafft! Trotz Panne auf den letzten Kilometern. Ich war überglücklich und fand auch schnell eine Bleibe in einer Ferienwohnung, die mir eine sehr nette Familie für 40€ ÜF überlassen hatte.

Ich möchte hier noch einen sehr netten Typen aus dieser Familie erwähnen, der mich an der Tourist Info mit seinem Transporter mit Münchner Kennzeichen (er hat oft beruflich in München zu tun) abgeholt und mich spontan zum Essen bei seiner Mama eingeladen hat... an dieser Stelle noch herzlichen Dank an Simone, seine Mama und die ganze Familie! Denn ich habe noch zwei sehr sehr schöne Tage bei Euch am Comer See verbringen dürfen. Ein großes Lob auch an "Flixbus" und den obercoolen Fahrer von der Firma "Grüner Bus" in Rudelzhausen, der mich dann einen weiteren Tag später von Mailand sicher nach München gebracht hat. Insgesamt neun Tage Vollgas gehen zu Ende und was ich immer wieder feststelle... es ist nirgends so schön wie dahoam!

Alexander Stiegler, Gaissach
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