Erlebnisbericht Transalp: Savognin - Chiavenna (Tag 5)

Erlebnisbericht Transalp: Savognin - Chiavenna (Tag 5)

Startet man von Deutschland aus mit dem Mountainbike über die Alpen nach Süden so führt einen die Reise meist durch Österreich oder die Schweiz. Unzählige Routen sind in aller Ausführlichkeit dokumentiert und können in Fachbüchern, Bike-Zeitschriften und auch im Internet nachgeschlagen und geplant werden. Schlussendlich gestaltet sich ein mehrtägiger Mountainbike-Trip aber immer etwas anders als man es im Vorfeld überhaupt planen kann. Abhängig von den individuellen Wünschen des Fahrers an die Etappen, die konditionellen und technischen Voraussetzungen, die verfügbare Zeit und viele andere, teilweise banale Faktoren, ist und bleibt ein Alpencross ein nie gänzlich berechenbares Abenteuer.

Alexander Stiegler hat sich nun bereits vier Tage lang durch die Berge gekämpft und befindet sich inmitten der beschaulichen Schweiz. Wie sein fünfter Tag beginnt, wie es ihm auf den anschließenden Kilometern ergangen ist und wie weit er es geschafft hat - all das hat Alex in Kapitel Fünf seines Tour-Tagebuchs zusammengefasst. Wir wünschen viel Spaß bei: "Endlos rauf, endlos runter!"

Ich hatte sehr gut geschlafen und stand auch schon um halb acht Uhr auf. Mein erster Blick richtete sich aus dem Fenster gen Himmel. Ich hatte mir am Abend davor noch den Wetterbericht angesehen, welcher tendenziell gutes Wetter prophezeite, aber an manchen Stellen eben noch Wolken. So wie hier in Savognin. "Die werden sich schon verziehen", dachte ich und ging ausgiebig frühstücken. Dies gehörte übrigens jeden Tag zu meinem Plan, in der teuren Schweiz Geld zu sparen. Mein Frühstück bestand meist aus 5 bis 6 Broten mit Marmelade, Käse, Schinken etc., zwei Eiern, einer Schüssel Müsli, einer Banane und gaaaaaaaaanz viel Kaffee!

Meist reichte dies bis in den Nachmittag hinein und wenn ich dann Hunger bekam, hatte ich immer meine Brotzeit aus dem Supermarkt dabei. Diese bestand aus zwei Paar Wienern oder Landjägern, 200 Gramm Käse, zwei Semmeln und einer Banane (für diese Mahlzeit war ich dann selbst im Supermarkt an die acht Schweizer Franken los, wobei der Franken ungefähr einem Euro entspricht). Eine kleine Erklärung hierzu: In der Schweiz ist zwar alles doppelt so teuer wie bei uns, die Leute verdienen allerdings auch doppelt so viel. Ein Handwerker kommt auf seine ca. 4000 Franken Netto im Monat. Man kann die sehr hohen Preise also nicht als Wucher bezeichnen. Lustig ist es allerdings schon, wenn man im Supermarkt am Kühlregal beim Käse steht und ein Schild vor sich hat mit der Aufschrift: "AKTION! 200G Emmentaler nur CHF 4,20!"

Doch zurück zur Tour... Ich sollte mit meiner Vermutung, das Wetter würde sich bessern, recht behalten. Schon als ich um ca. 9 Uhr aufbrach, blinzelten die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken und ich radelte gut gelaunt los. Nach kurzer Orientierung fand ich den Radweg Richtung Bivio. Dieser führte zunächst einmal ca. 200 hm bergauf, bevor er oben flacher wurde und es schließlich wieder bergab ging. Auf der anderen Talseite wieder bergauf, diesmal jedoch sehr stramm und ca. 500 hm. Ich folgte spontan einem Wegweiser nach rechts Richtung Sur und entdeckte einen kurzen, aber sehr schönen Trail, der erst am Hang durch den Wald und weiter unten über eine Wiese ins Dorf hinunter führte. Dort hatte ich jedoch keinen Plan, ob ich rauf oder runter müsste, denn ich hatte ja den normalen Weg abgekürzt. Ich beschloss daher, erstmal runter zu fahren und fragte ein paar Leute an der Post. Diese meinten, unten käme die Straße und da ich das nicht wollte, kurbelte ich wieder 200 hm bergauf bis ich schließlich wieder auf der Forststraße war die am "Lai de Marmorera", einem Stausee endete. Nach ca. 1,5 km am See entlang ging es links schon wieder bergauf und dann runter nach Bivio am Julierpass.

Ich bog jedoch rechts Richtung Septimerpass ab. Strammer Wind kam auf. Auch stauten sich ein paar dicke Wolken links an einem der zahlreichen Zweieinhalbtausender, die mich umgaben. Es ging steil bergauf. Der Weg war grobschottrig und zog sich eine halbe Ewigkeit in das Hochtal Richtung Süden. Das erste Mal auf dieser Tour zeigte ich Ermüdungserscheinungen... mir hingen die knackigen Etappen der letzten Tage in den Knochen.

Oben auf dem "Pass da Sett", wie der Septimerpass dort heißt, wurde ich jedoch erst einmal mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Vor mir türmten sich schon fast bedrohlich die Dreitausender auf der anderen Talseite auf. Der immerwährende starke Wind und der folgende sehr anspruchsvolle Trail ließen die Situation noch abenteuerlicher erscheinen. Zuerst ein Singletrail, verwandelte sich der Trail wenig später in einen "Rumpler" mit groben Steinen, um dann nach einem kleinen Steinbrücklein in einen Serpentinentrail mit vielen Spitzkehren überzugehen. Manche dieser Spitzkehren waren direkt am Abgrund, sodass ich aus Sicherheitsgründen immer wieder kurz abstieg. Unten an der Forststraße dann ein Schild: "Umleitung" hieß es auf demselben und der Pfeil deutete rechts auf den Wanderweg, der durch einen unwegsamen, verwurzelten, steilen und schlichtweg unfahrbaren Dschungel führte. Anscheinend war die Forststraße abgerutscht und somit unpassierbar geworden.

Im Dorf Casaccia angekommen orientierte ich mich kurz und setzte meine Reise über einen wunderbaren Waldtrail Richtung Süden fort. Ich fuhr durch all die kleinen typischen Bergdörfer: Vicosoprano, Borgonovo, Stampa, Bondo, Castasegna und wie sie alle heißen. In einem dieser Dörfer fand gerade ein Fest statt. Ein Spanferkel drehte sich über der Glut und ich hätte nur zu gern ein wenig dort verweilt, doch ich war leider etwas unter Zeitdruck. Die letzten Höhenmeter vor der Grenze führten noch durch einen schönen Wald und Wiesentrail. An der italienischen Grenze angekommen, erinnerte ich mich daran, dass ich noch ca. acht Franken in der Tasche hatte. Der Grenzbeamte schickte mich zwei Kilometer auf der Straße zurück zu einer Tankstelle, an der ich meine letzten Franken in Euro umtauschen konnte. Wieder bergauf und wieder dieses ungute Gefühl auf einer stark befahrenen Straße.

Schließlich in Chiavenna angekommen machte ich mich auf Quartiersuche, was sich als äußerst schwierig gestaltete. Es war Wochenende und anscheinend kein Bett in der Stadt mehr frei. Einen nette junge Dame in einer ausgebuchten Pension half mir, zwei Kilometer in der Richtung aus der ich gekommen war, das letzte Zimmer in diesem Hotel zu bekommen. Ein Doppelzimmer für 50€ ÜF. Doch die Chefin war so freundlich meine Wäsche zu waschen und ich feierte meine Ankunft mit zwei Weißbier und einem Glas Wein. "Morgen wird’s schon nicht mehr so schlimm werden auf der letzten Etappe" dachte ich mir... doch ich sollte mich irren.

Alexander Stiegler, Gaissach
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